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12.2 – Museen und Forschungssammlungen

In Sammlungen und Museen wird das Natur- und Kulturerbe der Menschheit seit dem Altertum archiviert. Seit dem 18. Jahrhundert erlebten die Sammlungen eine fulminante Renaissance. Dies galt zunächst insbesondere für Kunst- und Gemäldesammlungen, später auch für Sammlungen der Völkerkunde und der Naturwissenschaften. Die Vertragsstaaten der Haager Konvention haben sich 1954 und 1999 verpflichtet, naturwissenschaftliche und kultur­historische Sammlungen zu schützen und zu erhalten. Den Staaten wird ihre besondere Fürsorge und Pflege empfohlen. Weitere internationale und nationale Übereinkommen wie Systematics Agenda 2000, Darwin Declaration und Diversitas heben die Sammlungen rezenter und fossiler Organismen hervor. Sie betonen ihre Bedeutung für die Biologie, da sie die heutige und fossile Biodiversität als Kulturerbe der Menschheit erfassen.

Museen archivieren das Erbe der Menschheit

Skelette von T-Rex, Euoplocephalus und ein Bein des Supersaurus

Der 2003 neu gestaltete erste Lichthof im Senckenbergmuseum. Zu sehen sind die Skelette von T-Rex, Euoplocephalus und ein Bein des Supersaurus (Foto: Sven Tränkner, Senckenberg Forschungsinstitute und Naturmuseen)

Um die komplexe Vielfalt des Lebens zu verstehen, ist es nötig, die Grundausstattung unseres Planeten zuverlässig und umfassend zu erforschen. Zudem muss sein biologisches, paläontologisches und geologisch-mineralogisches Inventar vollständig analysiert werden. Bisher liegen erst für wenige Tier- und Pflanzengruppen globale Register des fossilen und heutigen Artenbestandes vor. Wie viele Einzelstücke in allen deutschen Forschungssammlungen vorliegen, kann nur vermutet werden. Allein die fünf bis sechs größten von ihnen bewahren unvorstellbar umfangreiche Bestände: circa 17,2 Millionen Herbarbelege, 2,4 Millionen Wirbeltierbelege, 50 Millionen Insekten, 4,5 Millionen marine Wirbellose, 35 Millionen fossile Belegstücke, 4,5 Millionen Minerale und 3 Millionen geologische Sammlungsstücke.

Naturkundliche Forschungssammlungen – Schatzkammern des Lebens

Blick in ein Sammlungsarchiv

Blick in ein Sammlungsarchiv (Foto: Sven Tränkner, Senckenberg Forschungsinstitute und Naturmuseen)

Geologisch-mineralogische Forschungssammlungen sind Datenbanken der festen Erdkruste und des Planetensystems. Vielfach enthalten sie Unikate, die nicht wieder beschafft werden können. Sie stehen als Referenzexemplare für laufende und zukünftige Untersuchungen bereit. Ihr Wert besteht weniger in dem „Marktwert” einiger Edelstein- oder Mineralproben, sondern in ihren vielfältigen wissenschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten. Diese Forschungssammlungen und das Spezialwissen ihrer Betreuer werden für die Forschung benötigt, aber auch für die universitäre Lehre, für Ausstellungen, Illustrationen oder als Anschauungsmaterial.

Archive des geologischen Inventars

Geologische Sammlungen beherbergen Gesteine bestimmter Regionen, Bohrkerne oder Abfolgen von Gesteinen. Beispiele für typische geologische Phänomene wie Sedimentstrukturen werden gesammelt und in den Schausammlungen der Öffentlichkeit präsentiert. Die Sammlungen dokumentieren auch, welchen Bezug Gesteine und Minerale zum Gelände haben. Sie bilden eine wichtige Voraussetzung für petrologische, geochemische und lagerstättenkundliche Forschung. Mineralogische Sammlungen umfassen natürliche Minerale und synthetische Kristalle sowie Festkörper aus vielen Kristallen (zum Beispiel Gesteine und Erze) und Gläser. Das Spektrum reicht dabei von natürlichen Mineral-, Erz- und Gesteinsvorkommen über synthetisch-technische Produkte wie Zement und Feuerfestbaustoffe, bis hin zu den Kristallen für Halbleiter- und Laseranwendungen und medizinische Produkte.

Objekte und Inhalte

Kreide-Paläogen-Grenze, dokumentiert in einem Bohrkern des Ocean Drilling Program

Kreide-Paläogen-Grenze, dokumentiert in einem Bohrkern des Ocean Drilling Program, ODP-Site 1049B, Bohrkernlager Bremen (Foto: IODP Kernlager am MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen)

Paläontologische Schau- und Forschungssammlungen dokumentieren die Evolution des Lebens in Raum und Zeit. Sie zeigen, wie sich die Biodiversität entwickelt hat und wie sie durch orbitale, externe und interne Ereignisse des Planeten Erde beeinflusst wurde. Ferner speichern diese Archive Daten für die molekulare Paläo­biologie und für die Gliederung der Erdgeschichte in verschiedene Zeitalter. Auch die Paläobiogeographie, Paläoklimatologie und Paläoökologie profitieren von diesen Sammlungen. Damit bewahren diese Sammlungen Daten, auf denen Prognosen zur Zukunft des Systems Erde beruhen.

Rekonstruktion des Lebens in Raum und Zeit

Einige Archive, besonders an kleineren Einrichtungen und Universitäten, sind stark gefährdet. Sie leiden unter Personalmangel, Raumnot und unsachgemäßer Lagerung. Viele Sammlungen werden nicht mehr gepflegt, Neuzugänge werden nicht erfasst, und einige sind wegen Personalmangel nicht zugänglich. Wenn an einer Universität der Lehrstuhlinhaber wechselt, verändert sich oft die Arbeitsrichtung, und das Archivmaterial wird ausgelagert. Gerade in kleineren Einrichtungen und an Universitäten gibt es häufig so genannte „verwaiste” Sammlungen. Zumindest die Universitäten sollten mit den großen Museen absprechen, wie sich diese wertvollen Sammlungen bewahren lassen.

Situation der Archive in Deutschland

Flugsaurier Rhamphorhynchus

Platte aus Solnhofen mit dem Flugsaurier Rhamphorhynchus gemmingi aus der Sammlung Senckenberg (Foto: Sven Tränkner, Senckenberg Forschungsinstitute und Naturmuseen)

Damit wissenschaftliche Arbeit mit den genannten Archiven möglich ist, müssen Daten gewonnen, verwaltet und gepflegt werden. Die Datenbanken sollten nach einheitlichen Grundregeln aufgebaut sein: Ihre Struktur sollte sammlungsübergreifend kompatibel mit bereits allgemein verwendeten Geländedaten und Definitionen sein. In der Taxonomie gibt es in verschiedenen Sammlungseinrichtungen bereits derartige Datenbanksysteme. Sie können direkt für systematisch-taxonomische und stratigraphische Archive verwendet oder angepasst werden. Dabei ist es wesentlich, dass die Datenbanken kompatibel sind und in internationale Datenarchive wie BioNET-International eingebunden werden können. Für Bohrkerne existieren ebenfalls verbindliche und weitgehend standardisierte Verfahren. Hierzu ist es sinnvoll, sich an die DSDP/ODP/IODP-Datenbank anzuschließen. Für die wichtige Pflege der Datenbanken gibt es in Deutschland eine zentrale Diskussionsgruppe innerhalb des Konsortiums „Deutsche Naturwissenschaftliche Forschungssammlungen“ (DNFS). Ein weiteres Beispiel ist auch das Ocean Drilling Stratigraphic Network (ODSN).

Datenerfassung

zuletzt geändert am 2010-03-23 15:58:47 durch Dr. Frank Schmieder | Impressum