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4 – Naturkatastrophen: Die Erde als Unruheherd

Um Georisiken wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Lawinen, Stürme oder Überschwemmungen wissenschaftlich erforschen zu können, ist eine breite fachliche Expertise nötig. Institute, Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen müssen umfassende Netzwerke bilden, um die Probleme effektiv zu lösen, die durch Naturkatastrophen verursacht werden. Dafür müssen zum einen die Prozesse selbst untersucht werden, die zu Naturkatastrophen führen, zum anderen müssen Frühwarnsysteme für verschiedene Georisiken aufgebaut werden.

GIS-basierte Informations- und Entscheidungssysteme sind ein wichtiges Hilfsmittel, um Schutz- und Reaktionsmaßnahmen gegenüber Georisiken zu entwickeln. Zudem müssen Ausbildungs- und Kommunikationsstrukturen („Capacity Building”) aufgebaut werden. Die Bevölkerung ist dadurch besser vor Georisiken geschützt und kann im Katastrophenfall besser reagieren. Dies ist insbesondere in Entwicklungsländern wichtig.

Das Jahr 2008 war nach Angaben der Münchener Rück eines der schlimmsten Naturkatastrophen-Jahre in den letzten hundert Jahren. Weltweit kamen nach Angaben der Versicherung mehr als 220.000 Menschen ums Leben. Der gesamtwirtschaftliche Schaden lag bei rund 200 Milliarden US-Dollar. Damit setzte sich der Trend zu immer häufigeren Wetterextremen und dadurch bedingten Naturkatastrophen fort. Auch die Schadenshöhe steigt, da oft dicht besiedelte Regionen wie Küsten von Katastrophen betroffen sind. Zu den schlimmsten Ereignissen 2008 gehörte der Zyklon „Nargis“ in Myanmar im Mai, der offiziell 85.000 Menschenleben kostete. Mehr als 50.000 Menschen gelten noch als vermisst. Im gleichen Monat erschütterte auch ein Erdbeben die chinesische Provinz Sichuan. Rund 70.000 Menschen starben, fast fünf Millionen wurden obdachlos. Den größten versicherten Schaden mit rund 30 Milliarden Dollar richtete der Hurrikan „Ike“ im September 2008 an.

Naturkatastrophen

Neben plötzlichen Naturkatastrophen wie Erdbeben und Stürmen wird langfristig auch der Meeresspiegelanstieg erhöhte Schäden verursachen. Bei Überschwemmungen und Hangrutschungen ist es oft möglich, Schäden zu verhindern oder abzumildern. Auch Zerstörungen durch Erdbeben lassen sich durch eine entsprechende Konstruktion von Gebäuden oft minimieren oder ganz vermeiden. Beim Loma-Prieta-Erdbeben 1989 in Kalifornien hielten praktisch alle modernen Gebäude den Erschütterungen stand, während eine ältere Brücke über die San Francisco Bay zusammenbrach. Die Entwicklung und Umsetzung entsprechender Bauvorschriften erfordert eine enge Zusammenarbeit von Geowissenschaftlern und Ingenieuren.

Große Naturkatastrophen im Jahr 2008

Große Naturkatastrophen im Jahr 2008 (Quelle: Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, München)

Der menschliche Lebensraum verändert sich zum einen auf natürliche Weise, er unterliegt aber auch gravierenden vom Menschen verursachten Veränderungen. In den letzten Jahrtausenden hat sich die Wirtschaftsgrundlage in vielen Gebieten nachhaltig geändert, weil der Meeresspiegel stieg, Deltagebiete verlandeten oder sich das Klima änderte. Die Geschichte der Niederlande ist seit Jahrhunderten von Maßnahmen zum Schutz vor Sturmfluten geprägt, aber auch von Reaktionen auf die schnell voranschreitende Küstenlinie im Bereich des Rheindeltas. Weit dramatischere Auswirkungen hatten Dürre- und Hitzeperioden im mittelamerikanischen Raum. Im Laufe weniger Generationen verschwanden dort während des mittelalterlichen Temperaturmaximums ganze Hochkulturen. Natürliche Klimaschwankungen während der „Kleinen Eiszeit” hatten in Europa tiefgreifende gesellschaftliche Auswirkungen, sie verur­sachten unter anderem Hungersnöte. Auch Eingriffe des Menschen in die Natur haben den Lebensraum und die Möglichkeiten der Landwirtschaft regional immer wieder grundlegend verändert. Zu Zeiten des römischen Imperiums wurden zum Beispiel im Mittelmeerraum große Waldgebiete abgeholzt. Heute geschieht dies in den Tropen und Subtropen. Auch die mit der rapiden Urbanisierung einhergehenden Landnutzungsveränderungen tragen erheblich zum lokalen und regionalen Wandel bei.

Natürliche Veränderungen des Lebensraums

Satellitenbild des Hurrikans „Ike“ am 12. September 2008 in der Karibik

Satellitenbild des Hurrikans „Ike“ am 12. September 2008 in der Karibik (Quelle: National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA )Research)

Geologische und hydro-meteorologische Katastrophen ereignen sich meist plötzlich, und oft ist die Bevölkerung unvorbereitet. Ein Beispiel dafür ist das Erdbeben vor Sumatra am 26. Dezember 2004: Das Erdbeben mit der Magnitude 9 löste im Indischen Ozean einen Tsunami aus, der etwa 228.000 Menschen das Leben kostete und alle Anliegerstaaten völlig überraschte. Ähnliches trifft für das Erdbeben von Bam im Ostiran zu, welches 30.000 Leben forderte. Dabei bewegte sich eine Verwerfung, die sich mindestens 2.000 Jahre lang ruhig verhalten hatte. Explosive Vulkane zeigen dagegen oft deutliche Warnzeichen, bevor sie ausbrechen. Durch langfristige Beobachtungen können Ausbrüche relativ sicher vorhergesagt werden.

Seltene Extremereignisse

Aceh, 13. Dezember 2004
Aceh, 29. Dezember 2004

Satellitenbilder der Halbinsel Aceh/Sumatra vor (links vom 13. Dezember 2004) und nach dem Tsunami (rechts vom 29. Dezember 2004) (Quelle: National Aeronautics and Space Administration (NASA) Earth Observatory)

Massenbewegungen, wie etwa Schlammströme oder Lahare, treten nach Starkniederschlägen auf. Sie können, wie 2001 in ­Venezuela, Tausende Tote und Zehntausende Obdachlose zur Folge haben. Hochwasserkatastrophen können nicht nur viele Opfer fordern, sie zerstören auch flächendeckend die Infrastruktur und zementieren Armutsstrukturen in den betroffenen Regionen. Hochwasser lassen sich in großen Flusseinzugsgebieten zwar einige Tage im Voraus vorhersagen, Warnungen und Gegenmaßnahmen scheitern aber häufig daran, dass die Organisations- und Kommunikationsstrukturen unzureichend sind, besonders in Entwicklungsländern. Die Elbeflut des Jahres 2002 hat gezeigt, dass Starkniederschläge auch im hoch entwickelten Europa katastrophale Folgen haben können. Der Verlauf von tropischen Wirbelstürmen kann zwar an sich über Tage vorhergesagt werden, dennoch sind immer wieder Tausende von Opfern zu beklagen, weil sich die Zugbahnen der Wirbelstürme kurzfristig ändern und es keine ausreichenden Warnsysteme gibt. Zuletzt waren durch die Zyklone „Sidr“ 2007 in Bangladesh oder „Nargis“ 2008 in Myanmar Zehntausende Tote zu beklagen.

Gipfelkrater
Aufnahme mit Thermo-Kamera

Monitoring am Cotopaxi in Ecuador. Wenn der Vulkan ausbricht, ist die Hauptstadt Quito gefährdet. Regelmäßige Befliegungen im Abstand von wenigen Monaten dokumentieren die Temperaturentwicklung des Vulkans. Links: Ansicht des Gipfelkraters, rechts: Die spezielle Thermo-Kamera macht die hohen Temperaturen unter dem Gletscher sichtbar (Quelle: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), Hannover)

zuletzt geändert am 2014-08-26 11:05:02 durch Jana Stone | Impressum