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6 – Das tiefe Erdinnere
Viele Prozesse, die an der Erdoberfläche ablaufen und den Lebensraum des Menschen beeinflussen, haben ihre Ursachen tief im Erdinneren. Konvektionsströme im Erdmantel treiben die Bewegung der Platten an der Erdoberfläche an. Sie verursachen damit letztlich Erdbeben, Vulkanausbrüche und die Bildung von Gebirgen. Das Magnetfeld der Erde, ein lebensnotwendiger Schild gegen kosmische Strahlung, wird im Erdkern erzeugt.
Lange Zeit war der Aufbau der Erde nur sehr ungenau bekannt. Zwar weiß man bereits seit über hundert Jahren, dass sich im Inneren der Erde ein Kern aus Nickel-Eisen-Metall befindet, der von einem Mantel aus silikatischem Gestein umgeben ist. Erst in den letzten Jahrzehnten konnten jedoch die Feinstruktur des Mantels und des Kerns, ihre chemische Zusammensetzung und das dynamische Verhalten des Erdinnern aufgeklärt werden. Dies gelang zum einen durch verbesserte seismische Daten und Auswerteverfahren, bei denen Erdbebenwellen aufgezeichnet und analysiert werden, zum anderen durch Hochdruckexperimente sowie durch innovative numerische Modelle der Konvektionsprozesse im Erdmantel und im Erdkern.
Die neuen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte zeichnen ein faszinierendes Bild der Dynamik unseres Planeten. Prozesse an der Kern-Mantel-Grenze in einer Tiefe von 2.900 Kilometern steuern offenbar vulkanische Phänomene an der Erdoberfläche. Andererseits taucht ehemaliger Ozeanboden an manchen Stellen tief in den unteren Mantel ab und beeinflusst möglicherweise das Wachstum des inneren Kerns. Über geologische Zeiträume tauschen die Ozeane offenbar Wasser mit einem Wasserreservoir im Erdmantel aus. Konvektionsströme im Erdmantel lassen sich direkt nachweisen und mit numerischen Modellen vergleichen. Das Magnetfeld der Erde ist mittlerweile soweit verstanden, dass numerische Modelle die spontanen Umpolungen des Feldes in der geologischen Vergangenheit reproduzieren können. Grundsätzliche Unterschiede in der Evolution der Planeten Merkur, Venus, Erde und Mars lassen sich durch neue Kenntnisse über die innere Dynamik von Gesteinsplaneten inzwischen gut erklären.
Kern-Mantel-Grenze
Die Fortschritte in der Erforschung des Erdinnern sind untrennbar mit technologischen Entwicklungen verbunden. Oft finden diese Innovationen Anwendungen auf unerwarteten Gebieten. So diente die Seismologie zunächst dazu, Erdbeben zu verstehen. Später nutzte man die Erdbebenwellen, um das Erdinnere zu untersuchen. Seit etwa 50 Jahren werden seismische Methoden zudem gezielt zur Überwachung von Kernwaffentests eingesetzt. Keine Nation kann einen Atombombentest verheimlichen, selbst wenn dieser Test unterirdisch in großer Tiefe vorgenommen wird. Ein globales Netz seismischer Stationen kann die Erschütterungen der Explosion überall nachweisen und von natürlichen Erdbeben unterscheiden. Weil das globale seismische Netzwerk gleichzeitig auch natürliche Erdbeben beobachtet, liefert es zusätzlich Daten über den Aufbau und die Dynamik des Erdinnern. Diese Daten sind unter anderem nötig, um das seismische Signal eines nuklearen Tests korrekt interpretieren zu können.
Seismik
