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9.5 – Wechselwirkungen zwischen Klima und vorindustriellen Kulturen
Klimaveränderungen haben einen direkten Einfluss auf den Lebensraum des Menschen. Sie haben seine Evolution entscheidend geprägt. Indem man geowissenschaftliche Archive mit archäologischen und historischen Quellen kombiniert, kann man die Reaktionen antiker Gesellschaften auf Klimaveränderungen nachvollziehen. Neue, detaillierte Klimazeitreihen haben in den letzten Jahren einige verblüffende Erkenntnisse geliefert.
So verraten Seesedimente auf Yucatan und marine Sedimente vor der Küste Venezuelas, dass der Untergang der klassischen Maya-Kultur mit einer allgemeinen Trockenheit in der Region und kurzen, wenige Jahre andauernden Dürrephasen einherging. Baumringanalysen im amerikanischen Südwesten zeigen, dass dort zwischen 1275 und 1300 AD eine ausgeprägte Trockenheit herrschte. Das war möglicherweise eine Ursache für das Verschwinden der Anasazi. Dieses Indianervolk ist durch seine Pueblos in den Steilwänden des Coloradoplateaus bekannt. Auch der Zusammenbruch des Akkadischen Reiches in Mesopotamien vor 4.200 Jahren, der Niedergang der Mochica-Kultur an den Küsten Perus vor 1.500 Jahren, das Ende der Tiwanaku-Zivilisation im Hochland Boliviens und Perus vor einem Jahrtausend und das Ende chinesischer Dynastien lassen sich mit lang andauernden Dürren in Verbindung bringen.
Einfluss auf den Menschen
Am Untergang all dieser frühen Hochkulturen mögen noch andere Faktoren wie Kriege, Überbevölkerung oder Umweltzerstörung einen Anteil gehabt haben. Doch stets trat auch eine drastische Klimaänderung auf. Auch heute sind eine rapide Erwärmung des Klimas und Änderungen im Wasserkreislauf zu beobachten. Umso wichtiger ist es, den Zusammenhang zwischen Klimaveränderungen und sozioökonomischen Veränderungen in der Vergangenheit zu verstehen. Anhand von detaillierten Klimaanalysen kann zudem die umstrittene Hypothese getestet werden, ob der Mensch womöglich schon vor 6.000 Jahren, lange vor Beginn der Industrialisierung, einen Einfluss auf das regionale und globale Klima hatte.
Wissenschaftliche Herausforderungen
Die oben genannten Erkenntnisse sind zwar zum Teil noch spekulativ. Dennoch spricht immer mehr dafür, dass zwischen dem Untergang früherer Kulturen und starken natürlichen Klimaschwankungen ein Zusammenhang besteht. Das lässt sich am Vergleich archäologischer Daten mit den besten Klimazeitreihen erkennen.
Geowissenschaftler, Archäologen und Anthropologen sollten gemeinsam die Datenbasis verbessern, um den umstrittenen Zusammenhang zwischen dem Untergang früherer Kulturen und extremen Klimaereignissen weiter zu untersuchen. Bisher liegen hierzu nur wenige interdisziplinäre Studien vor. Es ist vor allem wichtig, alle Ereignisse präzise und absolut zu datieren. Um Klimasignale aus verschiedenen Archiven vergleichen zu können, ist eine möglichst verlässliche und genaue Datierung von größter Bedeutung. Die Datenträger sollten idealerweise mit jährlicher Auflösung vorliegen oder mit kleinem Fehler absolut datierbar sein, wie dies beispielsweise bei Baumringen, Korallen, laminierten Sedimenten und Höhlensintern möglich ist. Um herauszufinden, ob es Klimaveränderungen gab, die den Lebensraum des Menschen gleichzeitig in verschiedenen Erdteilen stark beeinflussten, müssen besonders genaue Zeitreihen mit Klimasystemmodellen verknüpft werden.
Datierung
Die Hypothese, dass der Mensch schon seit dem mittleren Holozän durch Landnutzung einen signifikanten Einfluss auf das Klima ausübte, sollte ebenfalls erforscht werden.
