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Interdisziplinarität aus Sicht des geowissenschaftlichen Nachwuchses

Synthese-Papier auf Grundlage des DFG-Rundgesprächs „Fach- und skalenübergreifende Untersuchungen von Prozessen in Geosystemen“, 6.-8. Oktober 2011, Weimar.

Interdisziplinarität ist immer dann gefragt, wenn Antworten auf drängende komplexe Probleme gefunden werden müssen. So steht es in Wikipedia. Und darüber waren sich auch die Teilnehmer des DFG-Rundgesprächs im Oktober 2011 in Weimar einig, das von der Arbeitsgemeinschaft Geowissenschaftlicher Nachwuchs organisiert wurde. Damit scheint Interdisziplinarität gerade in den Geowissenschaften das Gebot der Stunde zu sein. Schließlich gilt es , einen Beitrag zu leisten zur kontinuierlichen Energieversorgung, Ressourcensicherung ,zum Verständnis des Klimas und zur Vermeidung des bzw. zur Anpassung an den Klimawandel.

Aber neben dieser Anforderung, zur Lösung komplexer Probleme beizutragen, ist Interdisziplinarität auch ein intrinsischer Erneuerungsprozess in den Geowissenschaften. Fachübergreifende Anwendung von Theorien und Methoden bei der Analyse komplexer Systeme: gerade das hat oft neue Erkenntnisse geliefert und manchmal sogar neue Forschungsrichtungen definiert. Ohne diese „Spin-offs“ oder „Wildcards“ würde sich Forschung in den engen Bahnen vorgegebener Projektpläne bewegen und könnte ihre volle wissenschaftliche Innovationskraft nicht entfalten.

Nur, wie gestaltet sich Interdisziplinarität im Hochschul- und Forschungsalltag, vor allem aus Sicht des geowissenschaftlichen Nachwuchses? Welche Probleme treten auf, wenn man sich keiner Disziplin mehr zuordnen kann? Wann bleiben Projektvorhaben lediglich multidisziplinär, d.h. fachlich divers, aber unabhängig voneinander. Wann werden sie transdisziplinär, d.h. es bildet sich aus der Interdisziplinarität eine neue Struktur, ein eigenes Fachgebiet? Das waren die Fragen, die unter den Teilnehmern diskutiert wurden.

Einig waren sich die Teilnehmer darüber, dass der Einstieg in die interdisziplinäre Forschung vor allem in der Post-Doc-Phase erfolgen sollte, obwohl interdisziplinäre Fragestellungen gerade für Doktoranden reizvoll sind. Oft sind aber Doktoranden damit überfordert, fachübergreifende Verknüpfungen im Forschungsalltag zu realisieren und sich gleichzeitig spezialisiertes Wissen anzueignen. Eine dezidierte fachliche Betreuung wird deshalb am hilfreichsten gewertet, um wissenschaftliches Neuland zu gewinnen und zu halten. Generell werden Projekt-Zeiträume für das Zusammenwachsen von disziplinärer Forschung zu kurz angesetzt; drei Jahre für fachliche Einarbeitung, Resultate und Ergebniszusammenfassung, zusammen mit der Sorge um fachübergreifenden Austausch scheinen schlicht unrealistisch. Es wird aber als eine gute Übung angesehen, in fachübergreifenden Seminaren die eigenen Methoden und Ergebnisse für andere verständlich darzustellen und auch Rückmeldung von Fachfremden zu erhalten.

Für wichtig hielten die Teilnehmer, dass Studenten früh darin geschult werden, sich auf andere Fachgebiete einzulassen. Zeit für die Beschäftigung mit fachfremder Materie muss geschaffen werden, um die Methoden zu verstehen und mit dem fachfremden Jargon vertraut zu werden. Daraus erwächst Wertschätzung für andere Forschungsrichtungen, die später die Basis für Ideen und die Zusammenarbeit an interdisziplinären Projekten bilden. Wichtig ist, im Studium dafür mehr Wahlmöglichkeit zu schaffen und eine Durchlässigkeit zwischen den Disziplinen zu ermöglichen. Das beinhaltet, Möglichkeiten und Akzeptanz für interdisziplinäre Abschlussarbeiten zu schaffen, und ihre Vertiefung während der Doktorarbeit zu unterstützen. Im Idealfall werden diese Arbeiten von zwei Betreuern unterschiedlicher Fachrichtungen begleitet, die auch dafür verantwortlich sind, diese interdisziplinären Projekte an ihre jeweiligen fachlichen Bereiche anzubinden.

In der Post-Doc Phase machen auf Interdisziplinarität spezialisierte Fördermöglichkeiten eine fachübergreifende Zusammenarbeit attraktiv. Wichtig ist aber, die gemeinsame Fragestellung und den Mehrwert von vorne herein klar herauszuarbeiten. Unterbleibt dies, laufen Teilprojekte nur nebeneinander her. Die Begutachtung interdisziplinärer Projektanträge dürfte sich ohnehin schwierig gestalten, da oft fachspezifische Gutachter hinzugezogen werden: kann ein Projekt in allen seinen disziplinären Teilbereichen exzellent sein? Kann es Breiten- und Tiefendimension haben? Bestimmt, wenn man anerkennt, dass der Austausch zwischen den Disziplinen immer erst einmal katalysiert werden muss. Das kostet Zeit und sollte sich in der Projektplanung widerspiegeln. Das Problem der adäquaten Gutachter setzt sich bei den Publikationen fort. Gutachter mit einem wirklich interdisziplinären Hintergrund sind (bisher) selten.

Und damit sind wir bei einem Kernproblem. Können interdisziplinär arbeitende Nachwuchswissenschaftler ihre Karrieren in bestehende Strukturen integrieren? Oft gestaltet sich das schwierig, weil fachspezifische Lehre geleistet werden muss. Auch haben Lehrstühle oft eine über Jahre hinweg definierte klare fachliche Profilierung. In einem Berufungsverfahren wird es daher immer Spezialisten geben, die breit aufgestellten Kandidaten im einzelnen Fachgebiet überlegen sind oder die formalen Anforderungen klarer erfüllen. Konsequenz ist, dass Berufungskommissionen besonderes Augenmerk auf interdisziplinäre Werdegänge legen müssten. Oder aber, dass interdisziplinäre Professuren eingerichtet werden sollten.

In einem solchen Fall wird die Interdisziplinarität zur Transdisziplinarität: sie wirkt strukturbildend und ist Ausdruck eines erfolgreich abgeschlossenen Erneuerungsprozess in der Wissenschaft. Aus mehreren fachlichen Disziplinen ist eine neue Forschungsrichtung entstanden, vielleicht gar mit einem eigenen Studiengang. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis neue Anforderungen dieses System wieder neu formieren werden. Damit das gelingt, bedarf es weiterhin Fördermöglichkeiten, die gezielt auf interdisziplinäre Forschung abzielen, und ein begleitendes Umfeld von Gutachtern und wissenschaftlichen Fachzeitschriften, welches diese akzeptiert. Der Grundstein für erfolgreiche interdisziplinäre Forschung bleibt aber: profunde fachliche Kenntnis und intensive Kommunikation.

Arbeitsgemeinschaft Geowissenschaftlicher Nachwuchs

zuletzt geändert am 2014-08-26 11:05:09 durch Jana Stone | Impressum