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Strategiepapiere
Ergebnisse des Rundgesprächs in Erfurt vom 16.07. - 18.07.2010
Die Herausforderungen der Zukunft bewältigen.
Die Mitglieder der AG Nachwuchs der Geokommission hatten zu einem Rundgespräch zum Thema "Geowissenschaften unter Druck - Sag, wie hast Du es mit der guten wissenschaftlichen Praxis" nach Erfurt eingeladen. Viele junge Nachwuschwissenschaftler sind gekommen und haben in fruchtbarer und sehr offener Atmosphäre diskutiert.
1. Die Rolle guter wissenschaftlicher Praxis in den Geowissenschaften
Viele aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen erfordern die Kompetenz der modernen Geowissenschaften, zum Beispiel in den Bereichen Energieversorgung, Ressourcenverfügbarkeit und Klimawandel. Die zentrale Rolle der geowissenschaftlichen Forschung ist mit verstärktem öffentlichen Interesse verbunden. Daraus ergibt sich ein Druck, Entscheidungsträger/innen in kurzer Zeit Forschungsergebnisse zu liefern, deren Erarbeitung zudem immer engere interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert. Damit stehen die Geowissenschaften wie kaum eine andere Wissenschaft im Spannungsfeld gesellschaftlicher Relevanz und einer sich verändernden Wissenschaftskultur. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs kommt dabei eine besondere Rolle zu, da seine Ausbildung und seine Forschung die Zukunft der Geowissenschaften bestimmen werden.
Damit in dieser Zeit großer wissenschaftlicher Dynamik auf Dauer wissenschaftlich saubere Forschung sichergestellt werden kann, halten wir es für notwendig, mögliche Schwachpunkte und zukünftige Herausforderungen der guten wissenschaftlichen Praxis zu identifizieren. Dies geschieht in den folgenden Abschnitten orientiert an verschiedenen Phasen wissenschaftlichen Arbeitens: Ausbildung und Lehre, Rahmenbedingungen der Forschung, Dokumentation und Kommunikation sowie Beurteilung. Dabei wird auf die Anforderungen sowie die Pflichten des wissenschaftlichen Nachwuchses eingegangen. Basis aller präsentierten Überlegungen sind die DFG-Richtlinien zur guten wissenschaftlichen Praxis.
Diese Ausführungen sind spezifisch an der Situation in den Geowissenschaften orientiert. Möglicherweise treffen einzelne Aspekte in ähnlicher Form auch für andere Wissenschaftszweige zu, diese zu repräsentieren ist jedoch nicht Absicht dieses Dokumentes.
Die hier dargestellten Positionen geben die Perspektive der jungen Geowissenschaftler/innen wieder, die im Juli 2010 das Rundgespräch “Geowissenschaften unter Druck” in Erfurt durchgeführt haben.
Die Geowissenschaften stehen wie kaum eine andere Wissenschaft im Spannungsfeld gesellschaftlicher Relevanz und einer sich verändernden Wissenschaftskultur.
2. Ausbildung und Lehre
Um solide wissenschaftliche Arbeit auf Dauer zu sichern, muss die Vermittlung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis einen höheren Stellenwert bekommen. Diese sollte bereits im Studium erfolgen, wobei hier besonders die Fähigkeiten der Informationsbeschaffung und des Zitierens kontrolliert werden müssen. Insbesondere bei Fast-Track-Optionen, bei denen bereits Bachelor-Absolvent/innen zur Promotion zugelassen werden, muss die gute wissenschaftliche Praxis explizit vermittelt werden. Auch in den Graduiertenschulen und Promotionsprogrammen ist die Vermittlung der guten wissenschaftlichen Praxis nötig und könnte im weiteren Verlauf der wissenschaftlichen Karriere wiederholt für alle, inklusive der Betreuer (PostDoc, Professor/in), ähnlich einer Sicherheitsbelehrung im Labor umgesetzt werden.
Gerade in internationalen Programmen und interdisziplinären Projekten besteht zunehmend die Gefahr, dass die Aufgabenstellung für Promovierende zu komplex wird. Eine gute wissenschaftliche Praxis kann nicht mehr gewährleistet werden, wenn Kandidat/innen methodisch überfordert werden und die Betreuung der fachfremden Teile der Arbeit nicht gesichert ist. Je nach Programm und Kandidat/in wäre eine Struktur denkbar, in der Promovierende sich auf ihre Fachdisziplin bzw. Kernkompetenz konzentrieren und langsam an die Interdisziplinarität herangeführt werden, um eine Überforderung zu vermeiden, während Postdoktorand/innen den interdisziplinären Ringschluss (z.B. auf Ökosystemebene) vollziehen.
Nachwuchswissenschaftler/innen, inklusive Promovierender, stehen ebenso wie andere Wissenschaftler/innen in der Pflicht, gewisse Dienste gegenüber der breiteren sowie der Fachöffentlichkeit zu erbringen. Insbesondere bei Fragestellungen, die in der gesellschaftlichen Diskussion stehen, ist die Wissenschaftskommunikation als Teil der guten wissenschaftlichen Praxis zu sehen. Promovierende benötigen zusätzliche Unterstützung im Sinne eines Trainings in der Wissenschaftsvermittlung. Ebenso sollten die anderen Elemente wissenschaftlicher Arbeit, wie beispielsweise das Verfassen von Fachgutachten für Zeitschriften, Promovierenden in einem frühen Stadium koordiniert vermittelt werden. Hier funktionieren Graduiertenschulen mit ihren Ausbildungsprogrammen sehr gut. Ähnliche Strukturen sollten für alle Promovierenden zugänglich sein, um gleiche Ausgangsbedingungen sicher zu stellen.
Die Vermittlung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis muss einen höheren Stellenwert bekommen.
3. Rahmenbedingungen der Forschung
Der Forschungskontext der Geowissenschaften ist nicht zuletzt aufgrund ihrer fachlichen und disziplinären Breite sehr divers. Die Zusammenarbeit über die klassischen Disziplingrenzen hinweg erfordert einerseits eine klare Dokumentation der Arbeit in den beteiligten Disziplinen. Andererseits ist eine explizite und deutliche Definition und Dokumentation der Schnittstellen interdisziplinärer Zusammenarbeit notwendig.
3.1 Interdisziplinäre Schnittstellen
Langfristig angelegte interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert eine gewisse personelle Konstanz. Stellen mit koordinativer Funktion in solchen Projekten sollten daher entsprechend attraktiv gestaltet und mit einer gewissen Beschäftigungssicherheit versehen werden, um hochqualifizierte Mitarbeiter/innen dafür zu gewinnen. Um Qualität und Kontinuität in Lehre und Forschung zu sichern, sind entsprechende Perspektiven in der Karriereplanung (wie z.B. tenure-track Optionen) nötig. Generell sollten auch die teilweise sehr aufwändigen und teuren wissenschaftlichen Geräte an den Arbeitsstätten adäquat durch technisches und wissenschaftliches Personal betreut werden, welches die Erhebung und Qualität hochwertiger Daten langfristig sichert. Durch gute Betreuung kann außerdem individuell evaluiert werden, ob nicht auch etablierte, meist kostengünstigere Methoden zur Lösung der Fragestellung angebracht und ausreichend sind.
3.2 Personelle Kontinuität
Datenerhalt und -dokumentation sind fundamentale Bestandteile der wissenschaftlichen Arbeit. Entsprechend verlangt die DFG die Vorhaltung von Daten für mindestens zehn Jahre. Die insbesondere von Nachwuchswissenschaftler/innen geforderte räumliche Mobilität kann dabei zu zweierlei Schwierigkeiten führen: (1) ein/e Nachwuchswissenschaftler/in wechselt oder verlässt eine Institution und verliert damit den Zugriff auf seine/ihre Daten, oder (2) er/sie nimmt die Daten bzw. das Wissen über diese mit, welche somit nicht mehr an der Institution nutzbar sind.
Die Vorhaltung von Daten in Onlinerepositorien (z.B. www.pangaea.de) hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Der Vorteil solcher Online-Datenbanken ist, dass die Zugänglichkeit auf lange Zeit gewährleistet ist und Zugriffsrechte oft individuell geregelt werden können. Es wäre wünschenswert, eine solche Datenbereitstellung wie in anderen Disziplinen bereits üblich zur zwingenden Voraussetzung der Ergebnispublikation zu machen.
3.3 Datenspeicherung und Mobilität
4. Dokumentation und Kommunikation
Die Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse ist ein wesentlicher Bestandteil der Wissenschaftskultur. In vielen Fällen besteht ein großer Druck zu publizieren, und die Evaluierung fokussiert sich vielfach stärker auf Quantität denn auf Qualität. Bibliometrische Faktoren begünstigen tendenziell eine Strategie zur Publikation möglichst kleiner Einheiten (inklusive der dann notwendigen Zitation der eigenen Arbeit). Wünschenswert wäre eine Besinnung auf eine publizierbare Einheit als eine relevante Hypothese, die adäquat getestet wurde. Dabei sollten durchaus auch jene Arbeiten zur Publikation gelangen, in der die zuvor erwarteten Ergebnisse nicht erzielt wurden; auch dies sind wertvolle Beiträge zum wissenschaftlichen Prozess.
Um “Ehrenautorenschaften”, also der Nennung nicht unmittelbar an der Erarbeitung der in einer Publikation präsentierten Ergebnisse Beteiligter als Autor/innen, vorzubeugen, wäre eine konsequente und durchgehende Nennung der Arbeitsanteile aller Autor/innen einer Publikation wünschenswert. Diese Offenlegung könnte einerseits in Form von Prozentanteilen erfolgen. Allerdings wären solche Aufschlüsselungen schwer standardisierbar oder vergleichbar und würden zudem zu bibliometrischen Analysen verleiten. Alternativ bietet sich eine qualitative Benennung der Arbeitsbeiträge aller beteiligten Autor/innen an wie es bereits in führenden wissenschaftlichen Publikationsorganen wie Nature oder PNAS üblich ist.
4.1 Publikationskultur
Gerade bei den gesellschaftlich relevanten Themen der Geowissenschaften spielt die Kommunikation von Ergebnissen gegenüber Öffentlichkeit und Politik eine herausragende Rolle. Eine Politisierung der Ergebniskommunikation gilt es dabei zu vermeiden.
Im Kontext großer medialer Aufmerksamkeit muss besonderer Wert darauf gelegt werden, ein öffentliches Vertrauen in die saubere Arbeit, die den präsentierten Ergebnissen zugrunde liegt, aufzubauen und zu pflegen. Die gute wissenschaftliche Praxis selbst sollte somit kommuniziert werden. Der offene Umgang und die offensive Kommunikation von Prozessen und Strukturen wissenschaftlicher Arbeit können dazu beitragen, Vertrauenskrisen wie diejenige, in die das IPCC 2010 geraten ist, einzudämmen.
4.2 Außenkommunikation
5. Beurteilung wissenschaftlicher Leistungen
Die DFG hat im Jahr 2010 neue Richtlinien zur Einreichung von Publikationen mit Forschungsanträgen inkraft gesetzt. Diese setzen gezielt die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten über quantitative Faktoren. Diese Entwicklung ist begrüßenswert. Nach ähnlichen Gesichtspunkten sollte auch bei Berufungs- und Einstellungsformalitäten verfahren werden.
Im Sinne der Einheit von Forschung und Lehre und orientiert an den tatsächlichen Arbeitsverhältnissen, wäre eine Aufnahme der Lehrleistung in die Richtlinien guter wissenschaftlicher Praxis wünschenswert. Diese könnte die Einheit von Forschung und Lehre betonen und gleichzeitig eine Obergrenze des (insbesondere im Qualifikationsstadium) zumutbaren Lehrpensums festhalten. In ähnlicher Form ist dies im “European Charter for Researchers” bereits enthalten. Ähnliches wäre für Dienste im Kontext der Wissenschaftsgemeinschaft zu bedenken.
Interdisziplinäre Projekte bringen sowohl bei der Beantragung wie auch bei der Beurteilung das Problem mit sich, dass sie nur schwer durch wenige Fachgutachter/innen zu evaluieren sind. Das Miteinander unterschiedlicher Disziplinen erfordert von Gutachter/innen die Fähigkeit, ein Projekt ganzheitlich überblicken zu können. Bei der Vielzahl an geowissenschaftlichen Disziplinen erscheint dies nahezu unmöglich. Es wäre daher begrüßenswert, bei interdisziplinären Projekten und Publikationen die Fachgutachter/innen explizit dazu aufzufordern, selbst einzuschätzen, welchen Teil der Arbeit sie entsprechend ihrer Fachrichtung adäquat begutachten können. Entsprechend sollte es möglich sein, einen Antrag als “interdisziplinär” zu kennzeichnen und ihn entsprechend zu behandeln.
Qualität vor Quantität Credo ist zu begrüßen
6. Schlussfolgerungen
Zusammengefasst ergeben sich aus den vorherigen Kapiteln folgende Anregungen zur Verbesserung bestehender Strukturen:
- Explizite Einbeziehung guter wissenschaftlicher Praxis als Inhalt der Ausbildung, insbesondere im Bereich der Promotion
- Öffentliche Kommunikation als eine wesentliche Aufgabe der (gesellschaftsrelevanten) Forschung ist auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs verpflichtend. Dieser sollte durch entsprechende Anleitung in diesen Bereich eingeführt werden.
- In der interdisziplinär angelegten Forschung müssen nicht nur die einzelnen disziplinären Bestandteile dokumentiert werden; insbesondere die Schnittstellen zwischen verschiedenen Komponenten sind klar zu definieren und zu kommunizieren. So bleibt komplexe Forschung nachvollziehbar.
- In komplexen interdisziplinären Forschungsprojekten ist personelle Kontinuität von essenzieller Bedeutung. Um qualifizierten Nachwuchs für zentrale und koordinative Stellen zu gewinnen, müssen entsprechende Anreize geschaffen werden. Ebenso ist die kontinuierliche personelle Betreuung von Gerätschaften sicher zu stellen, um eine konstante Datenqualität zu garantieren.
- Die Vorhaltung und Publikation von wissenschaftlichen Daten sollte verpflichtende Voraussetzung für die Ergebnispublikation sein.
- Die quantitative Maximierung von Publikationszahlen ist nicht sinnvoll. Die Qualität der Forschung ist zu maximieren, nicht die Quantität der Veröffentlichungen.
- Die Anteile einzelner Autor/innen an Publikationen sollten gekennzeichnet und damit nachvollziehbar werden. Dies kann beispielsweise über die qualitative Benennung der jeweiligen Arbeitsbeiträge geschehen.
- Die Inhalte und Einhaltung der guten wissenschaftlichen Praxis sollten auch der Öffentlichkeit klar kommuniziert werden, um das Gewicht wissenschaftlicher Ergebnisse zu unterstreichen.
- Bei jeder Beurteilung wissenschaftlicher Leistungen sollte die Qualität im Mittelpunkt stehen. Dies gilt für Stellenbesetzungen ebenso wie für die Begutachtung von Forschungsanträgen.
- Lehrleistungen sollten als Bestandteil der guten wissenschaftlichen Praxis anerkannt werden, analog zur European Charter for Researchers.
